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Chronische Schmerzen – Wenn der Körper nicht mehr zur Ruhe findet
Warum Medikamente manchmal nicht ausreichen


Von Dr. Seung Yeo Moon-van der Staay, promovierte Biologin und Heilpraktikerin


„Wie können meine chronischen Rückenschmerzen besser werden, wenn Sie nur meine Hand behandeln?“ Diese Frage höre ich in meiner Praxis immer wieder. Sie ist verständlich. Schließlich liegt die Annahme nahe, dass Rückenschmerzen am Rücken, Knieschmerzen am Knie und Schulterschmerzen an der Schulter behandelt werden müssen.


Doch bevor wir über Behandlungsmethoden sprechen, lohnt sich eine andere Frage:

Warum bleiben Schmerzen manchmal bestehen, obwohl die ursprüngliche Ursache längst behandelt wurde? Diese Frage beschäftigt heute Millionen Betroffene.


Schmerz ist zunächst ein wichtiges Warnsignal. Wer sich den Knöchel verstaucht oder sich in den Finger schneidet, erhält ein wichtiges Warnsignal seines Körpers. Schmerz schützt uns. Er verhindert, dass wir eine verletzte Körperstelle weiter belasten. Normalerweise verschwindet der Schmerz wieder, sobald die Heilung abgeschlossen ist. Doch chronische Schmerzen folgen oft anderen Regeln.


Viele Patientinnen und Patienten haben bereits zahlreiche Untersuchungen hinter sich. Röntgenbilder, MRT-Aufnahmen und Laborwerte liefern wichtige Informationen. Trotzdem bleiben Rückenschmerzen, Migräne oder Nackenverspannungen bestehen.


Die moderne Schmerzforschung hat unser Verständnis chronischer Schmerzen erheblich erweitert. Heute wissen wir, dass sie nicht immer allein durch eine fortbestehende Schädigung eines Gelenks, Muskels oder anderen Gewebes erklärt werden können. Auch die Verarbeitung von Schmerzsignalen im Nervensystem kann sich verändern. Das Nervensystem kann empfindlicher auf Reize reagieren, sodass Schmerzen leichter ausgelöst oder stärker wahrgenommen werden.


Das bedeutet keineswegs, dass solche Schmerzen „nur im Kopf“ entstehen. Schmerzen sind real. Sie sind häufig Ausdruck eines komplexen Zusammenspiels verschiedener körperlicher Prozesse. Deshalb reicht es bei chronischen Beschwerden häufig nicht aus, ausschließlich die schmerzende Körperstelle zu betrachten.


Unser Körper arbeitet nicht in voneinander unabhängigen Abteilungen, sondern als vernetztes System. Das Nervensystem beeinflusst den Schlaf. Hormone verändern die Muskelspannung. Stress wirkt auf das vegetative Nervensystem. Das Immunsystem kommuniziert mit dem Gehirn. Alles hängt miteinander zusammen.


Gerade das vegetative Nervensystem arbeitet meist völlig unbemerkt. Sein aktivierender Anteil (Sympathikus) bereitet den Körper auf Leistung und Herausforderungen vor, während der beruhigende Anteil (Parasympathikus) Erholung, Verdauung und Regeneration unterstützt. Gesundheit entsteht nicht dadurch, dass einer dieser Anteile „stärker“ ist. Entscheidend ist, dass beide flexibel zusammenarbeiten.


Bleibt der Körper jedoch über längere Zeit in einer Art Alarmzustand, kann dies zu verschiedenen Beschwerden führen: etwa Schlafstörungen, Muskelverspannungen, Erschöpfung oder eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit. Sie können dazu beitragen, dass das Nervensystem in seiner Regulation beeinträchtigt wird und Schmerzen leichter bestehen bleiben oder stärker wahrgenommen werden.


Deshalb empfehlen moderne Leitlinien heute häufig eine multimodale Behandlung chronischer Schmerzen. Medikamente können dabei eine wichtige Rolle spielen. Sie lindern Beschwerden, ermöglichen Bewegung und verbessern häufig die Lebensqualität.


Dennoch erleben viele Betroffene, dass Medikamente allein ihre Schmerzen nicht dauerhaft beseitigen. Das bedeutet nicht, dass sie versagen. Es zeigt vielmehr, dass chronische Schmerzen häufig mehr sind als ein einzelnes Symptom. Genau an dieser Stelle beginnen komplementärmedizinische Verfahren eine etwas andere Frage zu stellen. Nicht nur: „Wo tut es weh?“, sondern auch: „Was braucht der Körper, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen?“ Komplementärmedizinische Verfahren verstehen sich dabei nicht als Ersatz einer notwendigen ärztlichen Diagnostik oder Behandlung. Sie können jedoch, abhängig von der individuellen Situation, Teil eines umfassenden Behandlungskonzeptes sein.


Ich selbst arbeite unter anderem mit der Koreanischen Handakupunktur, einer komplementärmedizinischen Behandlungsmethode. Ich bin in Korea aufgewachsen. Dort war es für mich selbstverständlich, dass moderne Medizin und traditionelle Heilverfahren nebeneinander bestehen. Erst als ich später in Deutschland als Heilpraktikerin arbeitete, wurde mir bewusst, wie wenig diese in Korea entwickelte Methode hier bekannt ist.


Die Koreanische Handakupunktur entstand in den 1970er-Jahren in Korea. Sie beruht auf der Vorstellung, dass sich der gesamte menschliche Körper als sogenanntes Mikrosystem auf der Hand widerspiegelt. Durch gezielte Reize an bestimmten Punkten sollen natürliche Regulationsprozesse unterstützt werden.


In meiner Praxis setze ich sie insbesondere bei Menschen mit chronischen Schmerzen oder funktionellen Beschwerden als ergänzendes Verfahren ein. Sie ersetzt weder eine notwendige ärztliche Diagnostik noch eine medizinische Therapie. Durch gezielte Reize sollen natürliche Regulationsprozesse unterstützt werden. Patientinnen und Patienten berichten über eine Linderung ihrer Beschwerden oder eine verbesserte Entspannung. Wie stark dieser Effekt ausfällt, ist individuell unterschiedlich.


Nach vielen Jahren in meiner Praxis bin ich überzeugt, dass eine gute Behandlung nicht nur darin besteht, Schmerzen zu lindern. Sie beginnt auch damit, den Menschen zu verstehen.
Denn hinter chronischen Schmerzen steht selten nur ein einzelnes Organ oder eine Körperregion. Dahinter steht ein Mensch mit seiner Lebensgeschichte, seinem Schlaf, seinen Belastungen, seinen Hoffnungen und seiner Fähigkeit, sich immer wieder an neue Herausforderungen anzupassen.

Vielleicht beginnt Gesundheit genau dort. Nicht nur zu fragen, wo es wehtut. Sondern den Menschen als Ganzes zu betrachten. Denn unser Körper ist weit mehr als die Summe seiner Organe. Er ist ein erstaunlich fein abgestimmtes System, das jeden Tag versucht, sein Gleichgewicht zu bewahren.
Manchmal gelingt ihm das von allein.
Manchmal braucht er Zeit.
Und manchmal braucht er Unterstützung.


Zur Autorin


Dr. Seung Yeo Moon-van der Staay promovierte im Fach Biologie an der Seoul National University in Seoul, Südkorea. Anschließend arbeitete sie als Wissenschaftlerin in Korea, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Sie veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, darunter Beiträge in der renommierten Fachzeitschrift Nature (2001 und 2005).
Seit 2012 ist sie als Heilpraktikerin in eigener Praxis in Goch und später auch in Kleve tätig. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Behandlung chronischer Schmerzen und funktioneller Beschwerden. Dabei setzt sie unter anderem die Koreanische Handakupunktur als komplementärmedizinisches Verfahren ein.

Ihr Anliegen ist es, medizinische Zusammenhänge verständlich zu vermitteln und Menschen zu einem besseren Verständnis ihres eigenen Körpers zu verhelfen.